zu den buxwerken

Auf einer dreimonatigen Reise durch Brasilien im Sommer 2000 wurde an jedem bereisten Ort ein Wort hinterlassen. Die daraus resultierenden Sätze zogen sich vom Anfang bis zum Ende der Reise durchs Land. Sie schilderten den Zustand des Reisens: Reisende bewegen sich flüchtig durch Orte hindurch, nehmen Eindrücke auf und hinterlassen selbst wenig dabei.
Ebenso flüchtig wurden die Worte geschrieben: mit Kreide oder Pflanzenfarbe, mit Wasser, Kernen, Blättern, gekratzt, geschnitten oder nur gestampft, sodass sie nur für kurze Zeit bestehen blieben. Als Spur, als Zeichen, dort wo man gerade vorüberging.
Die Trägerflächen der Worte - Hauswände, Boote, Sanddünen, verrottete Schilder, ein Blatt - treten in Verbindung mit den Worten. Sie sind dadurch neu benannt worden. Durch die Bezeichnung eines Dinges wird es für uns zur fassbaren Realität. Durch diese Umbenennung geben wir ihm eine andere Bedeutung, es verändert sich. Die Schrift ist eine Form der Zeichnung, eine Gedankenzeichnung, die sich konkret mit den Orten verbindet.
In unseren Köpfen finden Assoziationen statt. Wir finden inhaltliche Gemeinsamkeiten zwischen Wort und Ort, ebenso wie Gegensätze, die sich kaum in Übereinstimmung bringen lassen. Sie können als Auslöser einer Erinnerung fungieren oder eine Vorstellung zu dem Ort hervorrufen.Diese Vorstellungsweise wirft Fragen auf, wie wir sie vom Betrachten von Fotografien uns unbekannter Gegenden kennen. Wir sehen nie ein vollständigen Bild, sind stets auf unsere eigene Vorstellungskraft angewiesen. So sehr wir uns bemühen, können wir kein authentisches Bild erstellen, da die Information viel zu begrenzt ist. Die Wortfotografien fordern dazu auf, neue Vorstellungen zuzulassen, die sich nicht angestrengt darum bemühen müssen einer nicht ersichtlichen Umgebung nachzuspüren. Orte und Worte bereichern einander, anhand der Fotografien kommunizieren diese nun wechselseitig mit den Betrachtenden.
Die Geschichten und Bilder, die im Geist daraus entstehen, sind zwar neu, stehen dennoch in Verbindung zu den impulsgebenden Fotografien, Worten und Zeichnungen.Barbara Bux

Der Dreh im Kopf

Zeichnung ist meine bevorzugte künstlerische Methode, sie begleitet mich durch den Alltag, entweder als Projekt im Atelier oder auch nur als „Gute – Nacht – Zeichnung“ abends. Zeichnen ist eine wunderbare Möglichkeit einen Gedanken – sei er spontan oder schon lange im Kopf – ein Gefühl, einen Standpunkt, eine Idee unmittelbar bildhaft umzusetzen. Der Gedanke wird formuliert und als Bild von der vorerst verschlossenen Vorstellung zum konkreten Gegenüber, der dann öffentlich und selbstbehauptend existiert.
Ich greife auf Eindrücke zurück, und bringe diese in Form eines Gedankenspiels aufs Papier. Diese Eindrücke setzen sich aus Gesehenem sowie Erlebtem zusammen. Besonderheiten von Orten, Bauten, die eigentümliche Form und die Banalität eines Gegenstands, Menschen oder Erzählungen, Erfahrungen und zwischenmenschliche Empfindungen kombiniere ich innerhalb der Zeichnung, kommentiere, verforme und setze sie in Bezug zu anderen Dingen.

Zeichnen wird so für mich zu einer eigenen Schreibweise, die ich allerdings weiter fasse als in der Schrift: im Moment des Zeichnens werden neue Begriffe erfunden. Diese Begriffe sind von unserem Sprach- und Denkverständnis geprägt, sie entstehen daraus, spielen mit ihrer Kombinationsmöglichkeit und den Inhalten, betrachten sie selbstironisch und besetzen sie neu. Aus den Begriffen entwickelt sich schließlich eine eigene Sprache.
Was wir unter einem Begriff verstehen, mag in einer anderen Kultur eine völlig andere Bedeutung haben, sogar wenn wir die gleichen Worte benutzen, kann jeder einzelne aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen etwas ganz anderes darunter verstehen. Die Welt ist voller Missverständnisse, da allzu selbstverständlich gleiches Verständnis vorausgesetzt wird.

Die Kombinationen in meinen Zeichnungen gibt es weder in unserem Sprachgebrauch noch in unserer Dingwelt –
in unserer Gefühlswelt und in unserer Denkwelt sind sie aber möglich.
Wir haben gelernt unsere Welt zu ordnen, um mit ihr zurecht zu kommen. Wir meinen zumindest, die gleichen Begriffe zu benutzen, um uns zu verständigen. Diese Ordnungsverhältnisse sind mein Material, aus denen die Zeichnungen entstehen.
Ich möchte diese Verhältnisse einer anderen Sichtweise unterziehen, sie durchbrechen, verschieben und beobachten, um einen neuen Blickwinkel auf unsere Lebensweise und unseren Umgang mit den Dingen zu ermöglichen.

Durch realistisch ausgearbeitete Zeichenelemente wird eine begrifflich fassbarere Ebene geboten, die den Zugang zu den Zeichnungen erleichtert. Andererseits gerät durch das Aufbrechen der Linie, das Kippen von scheinbarer Dreidimensionalität in dargestellte Zweidimensionalität diese Ebene ins Wanken, und man betritt eine andere, ungewohnte Ebene. Auf manchen Zeichnungen werden Verweise auf Begriffe und Gegenständliches nur flüchtig angerissen. In diesen entstehen Formen und Figuren aus dem Linienfluss, ich beobachte die entstehenden Formen und Inhalte, lenke und spiele, greife auf und entwickle wieder neue Formen.
Die Zeichnungen können für die Betrachtenden eine Herausforderung sein, die eigene Vorstellungskraft zu entfalten.

Erkennt man z. B. eine detailliert ausschraffierte Schüssel, weil die genaue Zeichenweise denkbar genau an den wirklichen Gegenstand „Schüssel“ erinnert, ist es unsere Sehgewohnheit und Schulung, darin die Schüssel als solche anzunehmen und zu akzeptieren. Ist die Darstellung linear oder kippt ins Lineare, „denke“ ich an eine Schüssel aus meiner Seherfahrung heraus, deren genauere Beschaffenheit meiner Vorstellungskraft überlassen bleibt. Sehe ich schnell dahingeworfene Linien, die einen Gegenstand umreißen, der eine Schüssel darstellen soll, weiß ich aus meiner Sehgewohnheit, dass es sich um eine Skizze handelt, etwa: „Dort soll eine Schüssel sein“ - die Skizze steht stellvertretend für den Gegenstand, der vor der Skizze an einem Ort stand, oder nach der Skizze an einem Ort stehen oder so angefertigt werden soll. Darin unterscheidet sich die Skizze von der Zeichnung.
Die Zeichnung ist unabhängig von der realen Schüssel. Sie verweist in unserer Vorstellungskraft auf eine Schüssel, ist aber als Zeichnung selbst real wie der Gegenstand, ein existierendes Gegenüber.

Die Zeichnungen entstehen bewusst, jedoch ohne direkte Planung. Und wenn eine vorangegangene Idee Planung mit sich bringt, so werden in der Umsetzung spontane Einfälle, Umentscheidungen oder unmittelbare zeichnerische Kommentare zugelassen.

Es geht mir nicht darum, mich gestisch auszudrücken, z. B. Wut mit dem Stift abzureagieren, um dann als Ergebnis die geballte Ladung Frust und Aggression zurückgeschleudert zu bekommen oder anderen ins Gesicht zu schleudern. Wut oder Trotz wird von mir genauso aufgegriffen wie Liebe oder Sehnsuchtsgefühle, zärtliche Gedanken oder Aggressivität, Zwiespalt oder Übereinstimmung. Die daraus entstehenden Figuren und Formen werden während des Zeichnens beobachtet und im Entstehen schon in ihrer Form selbstironisch kommentiert und verändert. Ein eigenwilliges Linien und Figurenspiel entsteht, das sich von dem ursprünglichem Erregungszustand oder dem Motivationsimpuls entfernt und weiterentwickelt, zu einer eigenwilligen Existenz, die auch mir als Zeichnerin wieder neue Impulse gibt.

Die Inhalte meiner Zeichnungen sind vielschichtig und wechselnd. Was ich in meinen Zeichnungen aufgreife und bilde, wird von einer spontanen Idee und meinen Gedanken bestimmt. Assoziationsketten bilden sich, ein Stellenwert oder bestimmte thematische Schwerpunkte ergeben sich daraus.
Persönliche Eindrücke oder gesellschaftliche Ereignisse finden sich neben banalen Gegenständen, die mir täglich in die Hände purzeln, von denen ich manchmal gar nicht weiß, wozu sie überhaupt bestimmt sind oder wieso sie ausgerechnet diese Form haben. Wofür wurde sie gemacht und was für einen Dienst soll sie erfüllen? Ohne mir dies zu verraten, treten sie mir entgegen, und verlangen wahrgenommen zu werden.
Das Wesen all dieser Gegenstände, Muster unserer Traditionen und die uns umgebende Flut von Sinneseindrücken durchdringt und formt unser Denken und unsere Körper. Wir nehmen auf, ohne uns über den Einfluss bewusst zu sein.

Zeichnung ist für mich in diesem Sinne die Möglichkeit, zumindest einen Teil dieser Eindrücke darzustellen, um die Beeinflussung als Tatsache zu erfassen, mich durch selbstbestimmtes Denken und Handeln darüber hinwegzusetzen und zum eigenen Denken und Wirklichkeitsempfinden selbstbewusst zu stehen. Ich eigne mir die Dinge auf meine Weise an, um sie nicht von mir Besitz ergreifen zu lassen, beteilige mich an der allgemeinen Bildproduktion, am Formen der Dinge, um nicht zu konsumieren, sondern zu kommunizieren.

Wir werden tagtäglich genötigt uns mit Dingen auseinander zu setzen, die wir gar nicht benötigen, von denen uns z. B. die Werbung jedoch erzählt, dass wir ohne sie gar nicht zurecht kommen. Wenn wir unsere tatsächlichen Bedürfnisse nicht selbst hinterfragen und selbst bestimmen, begeben wir uns in ein Abhängigkeitsverhältnis. Das bedeutet, unweigerlich teilzunehmen an der Sinnesflut, ihren Impuls aufzunehmen und wieder abzugeben. Begebenheiten zu hinterfragen, eigene Gefühle und Gedanken ernst zu nehmen und sich ihrer zu versichern. Dies wird in der Zeichnung bekräftigt und in die Außenwelt getragen.
Es geht mir nicht darum, persönliche Geschichten zu fixieren, sondern sie in ein gesellschaftliches Spiel einzubringen, in dem sich kollektive Regungen finden. Darin besteht für mich der Sinn des Zeigens. Die Zeichnungen kommunizieren mit den Betrachtenden und die Betrachtenden mit den Zeichnungen.
Die entstehenden Zeichnungen sind voller Andeutung und Handlung, ohne konkrete Geschichten zu erzählen. Eine solche würde sich als geschlossenes System mitteilen, nicht aber kommunizieren.

Kommunikation durch die Zeichnung funktioniert für mich bislang am besten über die Darstellung von Körpern und Gesichtern. Gesicht - und Körpersprache setzen wir neben Worten ein um uns zu verständigen. Mit Gestik und Gesichtsausdrücken lassen sich differenzierte Gefühle zum Ausdruck bringen. Abgebildet in der Darstellung von Gesichtern und Körpern können wir solche Regungen folglich besonders gut wiedererkennen und deuten. Dabei spielt sowohl das zwischenmenschliche und gesellschaftliche Verhältnis zum Körper eine Rolle, als auch das persönliche Körpergefühl. Die gezeichneten Gestalten agieren in der Zeichnung, verrenken sich, verschrauben oder trennen sich von Formen. Hierbei werden auch körperliche Grenzen oder menschliche Schwächen der Figuren deutlich.

Zu den menschlichen Figuren gesellen sich mit Vorliebe Möbel. Sie sind uns körperlich nah; Dinge sind dazu bestimmt, uns Bequemlichkeit zu verschaffen und uns dienlich zu sein. Oder: Werkzeuge, mit denen wir ständig hantieren, uns ihre Hilfe zunutze machen, weil wir es so gelernt haben. In ihren spezifischen Formen sind sie Elemente unserer Zeit, die uns von anderen Zeiten trennen. Das macht sie so interessant.
Sie eignen sich in der Zeichnung ebenso als Ausdruck eines Gefühlszustands wie Körper und Gesichter. Schwere Arme etwa stellen Müdigkeit oder Lustlosigkeit dar. Für uns sind sie ansonsten nicht sichtbar aber fühlbar. In der Zeichnung werden sie zum absurden Formauswuchs des Körpers, der uns an diese Schwere erinnert, nun jedoch als Form für uns eine weitere Bedeutung erhält. Zwei große Keulen, als Waffen einsetzbar und bedrohlich, die gleichzeitig handlungsunfähig machen, gleichzeitig jedoch als zusätzliche Stütze für die Beine herhalten.
Andere Körperzustände können assoziativ nachempfunden werden. Schwerelosigkeit kann in der Zeichnung überwunden oder es kann eine bleierne Verbindung mit Gegenständen eingegangen werden. Bewegung kristallisiert sich heraus – es ist ein Tanz mit dem Bleistift übertragen auf das Papier.

Brüche sind integrative Bestandteile der Zeichnungen und Verstehen findet statt, wenn der eigene „Sprung in der Schüssel“ zugelassen wird: Wenn nicht versucht wird etwas herauszufinden, sondern sich auf den Impuls eingelassen wird den es gibt, und selbst Unverständliches und Ungewöhnliches zugelassen wird. Dann lassen sich Sehgewohnheiten ablegen, andere Perspektiven können eingenommen werden und Kreativität sprengt die bevormundende Formensprache.
Wichtig ist mir der „Dreh“ im Kopf, der entsteht, wenn ich etwas sehe, das nicht komplett einzuordnen ist. Alles ist zu komplex miteinander verwoben, um in Fächer unterteilt sortiert zu werden. Einordnen ist nicht der beste Weg zum Verständnis, sondern Verbindungen aus eigener Seh- und Erlebniserfahrung zu knüpfen, kann wesentlich spannender und erkenntnisreicher sein.