
Der Dreh im Kopf
Zeichnung ist meine bevorzugte künstlerische Methode, sie
begleitet mich durch den Alltag, entweder als Projekt im Atelier oder auch nur
als „Gute – Nacht – Zeichnung“ abends. Zeichnen ist
eine wunderbare Möglichkeit einen Gedanken – sei er spontan oder
schon lange im Kopf – ein Gefühl, einen Standpunkt, eine Idee unmittelbar
bildhaft umzusetzen. Der Gedanke wird formuliert und als Bild von der vorerst
verschlossenen Vorstellung zum konkreten Gegenüber, der dann öffentlich
und selbstbehauptend existiert.
Ich greife auf Eindrücke zurück, und bringe diese in Form eines Gedankenspiels
aufs Papier. Diese Eindrücke setzen sich aus Gesehenem sowie Erlebtem zusammen.
Besonderheiten von Orten, Bauten, die eigentümliche Form und die Banalität
eines Gegenstands, Menschen oder Erzählungen, Erfahrungen und zwischenmenschliche
Empfindungen kombiniere ich innerhalb der Zeichnung, kommentiere, verforme und
setze sie in Bezug zu anderen Dingen.
Zeichnen wird so für mich zu einer eigenen Schreibweise,
die ich allerdings weiter fasse als in der Schrift: im Moment des Zeichnens
werden neue Begriffe erfunden. Diese Begriffe sind von unserem Sprach- und Denkverständnis
geprägt, sie entstehen daraus, spielen mit ihrer Kombinationsmöglichkeit
und den Inhalten, betrachten sie selbstironisch und besetzen sie neu. Aus den
Begriffen entwickelt sich schließlich eine eigene Sprache.
Was wir unter einem Begriff verstehen, mag in einer anderen Kultur eine völlig
andere Bedeutung haben, sogar wenn wir die gleichen Worte benutzen, kann jeder
einzelne aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen etwas ganz anderes darunter
verstehen. Die Welt ist voller Missverständnisse, da allzu selbstverständlich
gleiches Verständnis vorausgesetzt wird.
Die Kombinationen in meinen Zeichnungen gibt es weder in unserem
Sprachgebrauch noch in unserer Dingwelt –
in unserer Gefühlswelt und in unserer Denkwelt sind sie aber möglich.
Wir haben gelernt unsere Welt zu ordnen, um mit ihr zurecht zu kommen. Wir meinen
zumindest, die gleichen Begriffe zu benutzen, um uns zu verständigen. Diese
Ordnungsverhältnisse sind mein Material, aus denen die Zeichnungen entstehen.
Ich möchte diese Verhältnisse einer anderen Sichtweise unterziehen,
sie durchbrechen, verschieben und beobachten, um einen neuen Blickwinkel auf
unsere Lebensweise und unseren Umgang mit den Dingen zu ermöglichen.
Durch realistisch ausgearbeitete Zeichenelemente wird eine begrifflich
fassbarere Ebene geboten, die den Zugang zu den Zeichnungen erleichtert. Andererseits
gerät durch das Aufbrechen der Linie, das Kippen von scheinbarer Dreidimensionalität
in dargestellte Zweidimensionalität diese Ebene ins Wanken, und man betritt
eine andere, ungewohnte Ebene. Auf manchen Zeichnungen werden Verweise auf Begriffe
und Gegenständliches nur flüchtig angerissen. In diesen entstehen
Formen und Figuren aus dem Linienfluss, ich beobachte die entstehenden Formen
und Inhalte, lenke und spiele, greife auf und entwickle wieder neue Formen.
Die Zeichnungen können für die Betrachtenden eine Herausforderung
sein, die eigene Vorstellungskraft zu entfalten.
Erkennt man z. B. eine detailliert ausschraffierte Schüssel,
weil die genaue Zeichenweise denkbar genau an den wirklichen Gegenstand „Schüssel“
erinnert, ist es unsere Sehgewohnheit und Schulung, darin die Schüssel
als solche anzunehmen und zu akzeptieren. Ist die Darstellung linear oder kippt
ins Lineare, „denke“ ich an eine Schüssel aus meiner Seherfahrung
heraus, deren genauere Beschaffenheit meiner Vorstellungskraft überlassen
bleibt. Sehe ich schnell dahingeworfene Linien, die einen Gegenstand umreißen,
der eine Schüssel darstellen soll, weiß ich aus meiner Sehgewohnheit,
dass es sich um eine Skizze handelt, etwa: „Dort soll eine Schüssel
sein“ - die Skizze steht stellvertretend für den Gegenstand, der
vor der Skizze an einem Ort stand, oder nach der Skizze an einem Ort stehen
oder so angefertigt werden soll. Darin unterscheidet sich die Skizze von der
Zeichnung.
Die Zeichnung ist unabhängig von der realen Schüssel. Sie verweist
in unserer Vorstellungskraft auf eine Schüssel, ist aber als Zeichnung
selbst real wie der Gegenstand, ein existierendes Gegenüber.
Die Zeichnungen entstehen bewusst, jedoch ohne direkte Planung. Und wenn eine vorangegangene Idee Planung mit sich bringt, so werden in der Umsetzung spontane Einfälle, Umentscheidungen oder unmittelbare zeichnerische Kommentare zugelassen.
Es geht mir nicht darum, mich gestisch auszudrücken, z. B. Wut mit dem Stift abzureagieren, um dann als Ergebnis die geballte Ladung Frust und Aggression zurückgeschleudert zu bekommen oder anderen ins Gesicht zu schleudern. Wut oder Trotz wird von mir genauso aufgegriffen wie Liebe oder Sehnsuchtsgefühle, zärtliche Gedanken oder Aggressivität, Zwiespalt oder Übereinstimmung. Die daraus entstehenden Figuren und Formen werden während des Zeichnens beobachtet und im Entstehen schon in ihrer Form selbstironisch kommentiert und verändert. Ein eigenwilliges Linien und Figurenspiel entsteht, das sich von dem ursprünglichem Erregungszustand oder dem Motivationsimpuls entfernt und weiterentwickelt, zu einer eigenwilligen Existenz, die auch mir als Zeichnerin wieder neue Impulse gibt.
Die Inhalte meiner Zeichnungen sind vielschichtig und wechselnd.
Was ich in meinen Zeichnungen aufgreife und bilde, wird von einer spontanen
Idee und meinen Gedanken bestimmt. Assoziationsketten bilden sich, ein Stellenwert
oder bestimmte thematische Schwerpunkte ergeben sich daraus.
Persönliche Eindrücke oder gesellschaftliche Ereignisse finden sich
neben banalen Gegenständen, die mir täglich in die Hände purzeln,
von denen ich manchmal gar nicht weiß, wozu sie überhaupt bestimmt
sind oder wieso sie ausgerechnet diese Form haben. Wofür wurde sie gemacht
und was für einen Dienst soll sie erfüllen? Ohne mir dies zu verraten,
treten sie mir entgegen, und verlangen wahrgenommen zu werden.
Das Wesen all dieser Gegenstände, Muster unserer Traditionen und die uns
umgebende Flut von Sinneseindrücken durchdringt und formt unser Denken
und unsere Körper. Wir nehmen auf, ohne uns über den Einfluss bewusst
zu sein.
Zeichnung ist für mich in diesem Sinne die Möglichkeit, zumindest
einen Teil dieser Eindrücke darzustellen, um die Beeinflussung als Tatsache
zu erfassen, mich durch selbstbestimmtes Denken und Handeln darüber hinwegzusetzen
und zum eigenen Denken und Wirklichkeitsempfinden selbstbewusst zu stehen. Ich
eigne mir die Dinge auf meine Weise an, um sie nicht von mir Besitz ergreifen
zu lassen, beteilige mich an der allgemeinen Bildproduktion, am Formen der Dinge,
um nicht zu konsumieren, sondern zu kommunizieren.
Wir werden tagtäglich genötigt uns mit Dingen auseinander
zu setzen, die wir gar nicht benötigen, von denen uns z. B. die Werbung
jedoch erzählt, dass wir ohne sie gar nicht zurecht kommen. Wenn wir unsere
tatsächlichen Bedürfnisse nicht selbst hinterfragen und selbst bestimmen,
begeben wir uns in ein Abhängigkeitsverhältnis. Das bedeutet, unweigerlich
teilzunehmen an der Sinnesflut, ihren Impuls aufzunehmen und wieder abzugeben.
Begebenheiten zu hinterfragen, eigene Gefühle und Gedanken ernst zu nehmen
und sich ihrer zu versichern. Dies wird in der Zeichnung bekräftigt und
in die Außenwelt getragen.
Es geht mir nicht darum, persönliche Geschichten zu fixieren, sondern sie
in ein gesellschaftliches Spiel einzubringen, in dem sich kollektive Regungen
finden. Darin besteht für mich der Sinn des Zeigens. Die Zeichnungen kommunizieren
mit den Betrachtenden und die Betrachtenden mit den Zeichnungen.
Die entstehenden Zeichnungen sind voller Andeutung und Handlung, ohne konkrete
Geschichten zu erzählen. Eine solche würde sich als geschlossenes
System mitteilen, nicht aber kommunizieren.
Kommunikation durch die Zeichnung funktioniert für mich bislang am besten
über die Darstellung von Körpern und Gesichtern. Gesicht - und Körpersprache
setzen wir neben Worten ein um uns zu verständigen. Mit Gestik und Gesichtsausdrücken
lassen sich differenzierte Gefühle zum Ausdruck bringen. Abgebildet in
der Darstellung von Gesichtern und Körpern können wir solche Regungen
folglich besonders gut wiedererkennen und deuten. Dabei spielt sowohl das zwischenmenschliche
und gesellschaftliche Verhältnis zum Körper eine Rolle, als auch das
persönliche Körpergefühl. Die gezeichneten Gestalten agieren
in der Zeichnung, verrenken sich, verschrauben oder trennen sich von Formen.
Hierbei werden auch körperliche Grenzen oder menschliche Schwächen
der Figuren deutlich.
Zu den menschlichen Figuren gesellen sich mit Vorliebe Möbel.
Sie sind uns körperlich nah; Dinge sind dazu bestimmt, uns Bequemlichkeit
zu verschaffen und uns dienlich zu sein. Oder: Werkzeuge, mit denen wir ständig
hantieren, uns ihre Hilfe zunutze machen, weil wir es so gelernt haben. In ihren
spezifischen Formen sind sie Elemente unserer Zeit, die uns von anderen Zeiten
trennen. Das macht sie so interessant.
Sie eignen sich in der Zeichnung ebenso als Ausdruck eines Gefühlszustands
wie Körper und Gesichter. Schwere Arme etwa stellen Müdigkeit oder
Lustlosigkeit dar. Für uns sind sie ansonsten nicht sichtbar aber fühlbar.
In der Zeichnung werden sie zum absurden Formauswuchs des Körpers, der
uns an diese Schwere erinnert, nun jedoch als Form für uns eine weitere
Bedeutung erhält. Zwei große Keulen, als Waffen einsetzbar und bedrohlich,
die gleichzeitig handlungsunfähig machen, gleichzeitig jedoch als zusätzliche
Stütze für die Beine herhalten.
Andere Körperzustände können assoziativ nachempfunden werden.
Schwerelosigkeit kann in der Zeichnung überwunden oder es kann eine bleierne
Verbindung mit Gegenständen eingegangen werden. Bewegung kristallisiert
sich heraus – es ist ein Tanz mit dem Bleistift übertragen auf das
Papier.
Brüche sind integrative Bestandteile der Zeichnungen und
Verstehen findet statt, wenn der eigene „Sprung in der Schüssel“
zugelassen wird: Wenn nicht versucht wird etwas herauszufinden, sondern sich
auf den Impuls eingelassen wird den es gibt, und selbst Unverständliches
und Ungewöhnliches zugelassen wird. Dann lassen sich Sehgewohnheiten ablegen,
andere Perspektiven können eingenommen werden und Kreativität sprengt
die bevormundende Formensprache.
Wichtig ist mir der „Dreh“ im Kopf, der entsteht, wenn ich etwas
sehe, das nicht komplett einzuordnen ist. Alles ist zu komplex miteinander verwoben,
um in Fächer unterteilt sortiert zu werden. Einordnen ist nicht der beste
Weg zum Verständnis, sondern Verbindungen aus eigener Seh- und Erlebniserfahrung
zu knüpfen, kann wesentlich spannender und erkenntnisreicher sein.